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Ein neuer Anfang ... - Jetzt auch auf DVD: "Star Trek - Deep Space Nine" - Dritte Staffel

Als 1995 die dritte Staffel von "Deep Space Nine" ihren Verlauf nahm, standen eigentich alle Weichen auf durchstarten: Die Vorgänger-Crew von der "Next Generation" hatte sich vom Fernseher auf die Kinoleinwand verabschiedet; in der letzten Episode der zweiten Staffel hatten große Konflikte mit dem Dominion ihre Schatten voraus geworfen; und nach zwei erstaunlich ordentlichen Anlaufjahren hatte man auch bei "Deep Space Nine" im dritten Jahr endlich das richtige Gefühl für die Charaktere und deren Interaktion gefunden: Aus den groben Figuren-Skizzen waren griffige Persönlichkeiten gewachsen, und langsam etablierten sich die besonderen Beziehungen, die auch den Rest der Serie prägen sollten (die Freundschaft von Bashir und O'Brien oder Odo und Kira, zum Beispiel). Die Station war - wie Captain Sisko gleich in der ersten Episode bemerkt - unmerklich aber endgültig zu ihrem neuen zu Hause geworden, man fühlte sich wohl hier.
Dann konnte die echte Action ja jetzt eigentlich los gehen, und das tat sie zunächst auch: Der Eröffnungszweiteiler "Die Suche" ("The Search") erlebte nicht nur den ersten Besuch der Heimatwelt der Gründer, sondern auch die Einführung, eines tapferen kleinen Schiffs, das den Charakter der Serie im Folgenden entscheidend mitprägen würde: Die U.S.S. Defiant würde von nun an für mehr Mobilität und vor allem wesentlich mehr Action in der Serie sorgen. Dass die Entwicklung dieses puren Kriegsschiffs ein weiterer großer Schritt im Trek-Universum war dokumentiert übrigens auch eines der Special Features auf der letzten Disc des neuen DVD-Set, eine Kurzdokumentation, die sich einzig mit der Defiant beschäftigt. Das Schiff passte dabei zu Deep Space Nine wie die Faust aufs Auge: Genau wie die Station bot es eine harte, zunächst reichlich ungemütliche Umgebung, aber mit einem ganz eigenen Charakter. Die Defiant stand für pure Toughness, kein Weichei-Schiff mit Schulen und Gartenanlagen mehr. Das machte Eindruck.
Beeindruckte "Die Suche" am Anfang der Staffel noch mit vielen interessanten Neuerungen und Plotwendungen (und unterstrich nochmals überdeutlich, dass man sich vor dem Dominion wirklich zu hüten hatte), trat die Staffel von dort an etwas unerwartet auf die Bremse. Die großen Dinge, die sich mit dem Auftritt des Dominions angekündigt hatten, blieben zunächst einmal aus, und man konnte sich berechtigte Sorgen machen, dass die kreative Hauptenergie der Trek-Verantwortlichen in die Neuentwicklung "Voyager" wanderte (was von vorn herein pure Verschwendung war). Retrospektiv erweist sich die bewusst langsame und bedachte Fortentwicklung des Handlungsstrangs um das Dominion jedoch als ungemein kluge Entscheidung: Schon früh merkten die Story-Entwickler, dass sie hier etwas in der Hand hatten, was die Serie bis zu ihrem Ende formen würde, und einen derart großen Ansatz sollte man pfleglich behandeln und genüsslich ausspielen.
Nichtsdestotrotz sorgte dieses ganz bewusste Umstellen auf Story-Pause zu einigen signifikanten Durchhängern in den ersten zwei Dritteln der Staffel: Während Episoden wie "Das Equilibrium" oder "Herz aus Stein" zwar wichtige Charaktermomente erarbeiten wollen, jedoch einfach nur langweilen, leistete man sich mit der "Vedek Bareil wird zum Zombie"-Geschichte "Der Funke des Lebens" ("Life Support") und der unsäglichen Möchtegern-Lovestory "Meridian" zwei der schlechtesten Folgen der ganzen Serie. Ganz brauchbar aber letztlich auch nur Füllwerk war der erneute Re-Import von altbekannten TNG-Figuren, namentlich Lwaxanna Troi in der Kuppel-Show "Das Festival" ("Fascination") und der abtrünnige Thomas Riker in "Defiant".
Zwei glorreiche Ausnahmen sorgten indes auch in dieser schwachen Phase für erfreuliche Abwechslung: In der nonstop unterhaltsamen Episode "In der Falle" ("Civil Defense") lösen Sisko und O'Brien aus Versehen ein altes cardassianisches Sicherheitsprogramm der Station aus. In einer grandiosen "One damn thing after the other"-Abfolge der Ereignisse führt jeder Eindämmungsversuch zu noch mehr Problemen, und schon am Ende des zweiten Aktes wird der Selbstzerstörungsmechanismus der Station ausgelöst. Ein Heidenspaß.
Ebenso überzeugend: Der Zweiteiler "Gefangen in der Vergangenheit" ("Past Tense"), wo ein weiteres Mal eine fadenscheinige Technobabble-Ausrede für eine unvorgesehene Zeitreise herhalten darf, um sich in der alteingesessenen Trek-Tradition von aktueller Sozialkritik zu bewegen: Sisko, Bashir und Jadzia landen im San Francisco des Jahres 2024, kurz bevor dort ein historischer Aufstand von Massen in Ghettos abgeschobener Obdachloser beginnt. Die Dinge verkomplizieren sich, als der eigentliche Anführer des Aufstandes ums Leben kommt, als er den Zeitreisenden helfen will, und Sisko daher in seine Rolle schlüpfen muss, um den korrekten Ablauf der Geschichte zu sichern. Eine spannende Story, die zugleich überraschend deutliche Kritik am krankhaft kapitalistischen Gesellschaftssystem der USA übt.
Richtig zu Hochform auf lief die dritte Staffel dann endlich in ihrem Schlussdrittel, eingeläutet von der Rückkehr ins populäre Spiegel-Universum in "Durch den Spiegel" ("Through the Looking Glass"). Es folgte der Höhepunkt der ganzen Season, die Doppelfolge "Der geheimnisvolle Garak" ("Improbable Cause" / "The Die is Cast"). Was als eine enorm intelligent ausgefeilte Detektivgeschichte um den besten Nebencharakter des gesamten Trek-Universums beginnt, weitet sich nicht nur aus zu einer klaren Botschaft, dass man das Dominion nicht unterschätzen darf (ein von den cardassianischen und romulanischen Geheimdiensten geplanter Überraschungsangriff auf die Heimatwelt der Gründer endet in einem einzigen Desaster), sondern entwickelt sich auch zu einem packenden Charakterdrama um den mächtig ambivalenten Garak. Gerade die Szenen im zweiten Teil, als der verschlagene Cardassianer seine stoische Maske fallen lässt und pure Emotion zeigt, gehören zu den denkwürdigsten Sequenzen in der Frühphase der Serie - unvergesslich intensiv vor allem der Moment, als Garak gezwungen ist, Odo zu foltern.
Weniger intensiv, dafür ein herrlich altmodisches SciFi-Abenteuer im besten Sinne des Wortes ist "Die Erforscher" ("Explorers"): Hier baut Captain Sisko zusammen mit Sohnemann Jake einen antiken bajoranischen Sonnensegler nach, um zu beweisen, dass die alten Bajoraner mit diesen rudimentären Raumschiffen bereits zu interstellaren Reisen in der Lage waren. Die Parallelen zu einem klassischen Seefahrt-Abenteuer sind unverkennbar und machen den besonderen romantischen Charme dieser Episode aus, die zudem mit dem Sonnensegler einige der schönsten Designs der ganzen Serie aufweist. Außerdem ist diese Folge wegen zwei weiterer Details hochgradig relevant: Sisko taucht hier erstmals mit Bart auf, und Jake wird endgültig als talentierter Nachwuchs-Schriftsteller etabliert.
Ein ähnlich entspannter Spaß ist die bei vielen Fans sehr beliebte Episode "Facetten", in der die Persönlichkeiten der alten Wirte des Dax-Symbionten kurzzeitig die Körper der verschiedenen DS9-Crewmitglieder übernehmen, damit Jadzia mit ihnen kommunizieren kann. Das ist zunächst sehr amüsant, wenn die Darsteller zumindest kurzzeitig aus ihren sattsam bekannten Rollen ausbrechen können, und erreicht fast schon Anstriche von Brillanz, als ein psychopathischer Ex-Wirt den Körper von Captain Sisko übernimmt und sich die Folge kurzzeitig in ein augenzwinkerndes "Das Schweigen der Lämmer"-Ripoff verwandelt. Nur schade, dass die Episode in ihrem Schlussdrittel fast komplett einbricht mit einem gut gemeinten, aber schwer öden Liebesdrama besonderer Trill-Natur.
Die letzte Folge der Staffel, "Der Widersacher", bietet einen ähnlich krönenden Abschluss, wie es schon bei der vorhergehenden Season der Fall war. Die Story um einen sabotierenden Formwandler an Bord der Defiant betont nochmals überdeutlich die entscheidende Botschaft dieser Staffel: Ihr habt keine Ahnung, was für einen Haufen Ärger das Dominion noch darstellen wird. Konnte man nach der zweiten Staffel schon Angst haben, ist der Gänsehaut-Abschied des Formwandlers mit den Worten "Es ist zu spät. Wir sind überall." ein triftiger Grund, sich richtig ins Hemd zu machen. Und vor allem, sich mächtig auf die vierte Staffel zu freuen. Denn da geht es dann wirklich, endlich richtig los.

Zu dem DVD-Set der dritten Staffel bleibt im Vergleich zu den Vorgängersets nicht viel zu sagen. Die Qualität in Bild und Ton ist nach wie vor mehr als zufrieden stellend, auch wenn die Bildschärfe zuvor etwas brillanter erschien. Die nicht ganz optimale Menüführung bei den Special Features auf der letzten Disc ist ebenfalls die gleiche geblieben und scheint eine Konstante zu sein, mit der man sich abfinden muss. Wirklich erfreulich hingegen sind diesmal die Special Features selbst: Abgesehen von der bereits erwähnten Featurette über die Entwicklung und Bedeutung der Defiant gibt es zudem noch eine Dokumentation über die Entstehung des Dominion und seine Relevanz für das erste groß angelegte Storykonzept im Trek-Universum, sowie einen genaueren Blick hinter die Kulissen der beiden bedeutsamen Folgen "Gefangen in der Vergangenheit" und "Die Erforscher". Als Standards sind erneut dabei eine Featurette über das Design der neuen Alien-Charaktere, sowie ein weiteres "Crew Dossier", diesmal über Odo. Alles in allem sind die Special Features bei diesem Set durchweg interessant bis faszinierend und bislang die gelungenste Zusammenstellung von Bonusmaterial bei den verschiedenen DS9-Sets. Bleibt zu hoffen, dass dieser positive Aufschwung für die kommenden Staffeln erhalten bleibt.

Frank-Michael Helmke