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"Doctor's Diary": Doping fürs dröge TV

Sie ist moppelig, beziehungsfrustriert, tollpatschig, unfassbar naiv - und das Beste, was dem deutschen Fernsehen in den letzten Jahren passiert ist. Als Doktor Gretchen Haase im Frühsommer 2008 erstmals bei RTL über den Bildschirm flimmerte, setzte zunächst auf breiter Front der übliche deutsche Nörgel-Reflex ein, der dem hiesigen Fernsehen im Allgemeinen und der deutschen TV-Serie im Speziellen jegliche Innovationsfähigkeit abspricht und auch in "Doctor's Diary" nicht mehr als eine uninspiriert zusammen geschraubte Kopie wähnte: "Bridget Jones im Krankenhaus" hieß hier offensichtlich die simple Formel, von der man sich bestimmt nicht verführen lassen würde.
Doch wo sich eine immer länger werdende Reihe deutscher Serien-Neustarts tatsächlich als zahnlose, risikoscheue und allzu biedere Quasi-Kopien ausländischer Erfolgsformate erwiesen und vom Zuschauer zurecht ignoriert wurden (von der deutschen CSI-Variante "Post Mortem" über die lahme "Dr. House"-Abkupferung "Dr. Molly und Karl" bis hin zum "Grey's Anatomy"-Abklatsch "Klinik am Alex"), erwies sich "Doctor's Diary" beim näheren Hinsehen als brillante, saukomische und in manchen Momenten fast schon anarchische Mixtur aus Komödie, herzerwärmender Romanze und den so ziemlich wildesten dramatischen Kapriolen, die es in der deutschen Serien-Landschaft je zu sehen gab.
Ja, Gretchen Haase und Bridget Jones sind sich in Leibesfülle, Schokoladen-Anhänglichkeit und Tagebuch-Begeisterung sehr ähnlich, als Charaktere aber dennoch eindeutig unterschiedlich. Denn wo sich bei Ms. Jones zur Schokolade auch noch Zigaretten und Alkohol in rauen Mengen gesellten und vom abgeklärten Zynismus eines frustrierten Großstadt-Singles unterfüttert wurden, ist Gretchen Haase - abgesehen von ihrer Schwäche für alles Essbare - eine geradezu reine Seele, die sich trotz ausreichend gegenläufiger Erfahrungen weder den Glauben an das Gute im Menschen nehmen lassen lässt, noch die Hoffnung auf die große, romantische Liebe. 
Und diese Hoffnung fokussiert sich ausgerechnet auf Marc Meier (Florian David Fitz). Der war schon zu Schulzeiten ein unfassbares Arschloch und hat die bebrillte und zahnbespangte Teenie-Gretchen getriezt und gequält, so gut er nur konnte (wie mit herrlicher 80er Jahre Patina-überzogene Flashbacks immer wieder verdeutlichen) - was aber nichts dagegen half, dass Gretchen unendlich in ihn verliebt war, und das lässt sich auch nicht so recht abstellen, als sie ihn Jahre später wieder trifft - als Oberarzt und ihr direkter Chef in ihrem ersten Job als Klinikärztin. Da gibt es allerdings auch noch den sensiblen und mysteriös-faszinierenden Frauenarzt Dr. Mehdi Kaan (Kai Schumann), der Gretchen (Diana Amft) alsbald den Kopf verdreht. 
Eine Frau zwischen zwei Männern - einem einfühlsamen Softie und einem Arschloch mit Traumtyp-Potential, wenn man ihn doch bloß zähmen könnte - diesen abgegriffenen Klassiker der Story-Konstellationen frischt "Doctor's Diary" mit genau dem auf, was dem deutschen Fernsehen fast vollständig fehlt - Waghalsigkeit und die unbedingte Bereitschaft, über die Stränge zu schlagen. Sinnbildlich dafür ist die vierte Hauptfigur des Krankenhaus-Liebesreigens - Schwester Gabi (Laura Osswald aus "Verliebt in Berlin"), die ultimative Ausgabe einer rücksichtslosen Super-Zicke, die in ihrem unbedingten Willen, ihr Ziel zu erreichen (nämlich: sich Dr. Meier zu angeln und mit ihm eine Familie zu gründen) absolut null Skrupel an den Tag legt, im Zweifelsfall zu allen erdenklichen Mitteln greift und definitiv als psychopathisch eingestuft werden muss. Gerade im Laufe der ersten Staffel zettelt Schwester Gabi einige Plotwendungen an, die so dreist, rücksichtslos und drastisch sind, dass selbst die wildeste Daily-Soap davor zurückgeschreckt wäre. Stichwort: Samenraub per Oralsex mit anschließender Selbst-Befruchtung. Wenn der Mann keine Beziehung und erst recht keine Kinder will, dann muss man ihn halt irgendwie dazu zwingen….

"Doctor's Diary" wurde für seine Frische, Frechheit und Risikofreude belohnt - nicht nur vom Publikum, das für gute Quoten und damit eine zweite Staffel sorgte - sondern schließlich auch von den Kritikern, die nach anfänglicher Skepsis ihre Begeisterungsfähigkeit wiederfanden und neben dem Deutschen Comedy-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis der Serie auch noch den renommierten Grimme-Preis verpassten. Das Unglaublichste an dieser ziemlich beachtlichen Erfolgsgeschichte ist allerdings, dass der Mann, der dafür fast allein verantwortlich ist, gerade mal 30 Jahre alt ist. Und mit "Doctor's Diary" bereits seine zweite Hit-Serie abliefert. Bora Dagtekin, der auch schon die Kino-Komödie "Wo ist Fred?" mit Til Schweiger geschrieben hat, verdiente sich seine Serien-Sporen zuvor mit der höchst gelungenen Multikulti-Show "Türkisch für Anfänger", die vier Staffeln lang den ARD-Vorabend in neue Qualitätssphären hob und von dem Arbeitstier Dagtekin fast im Alleingang geschrieben wurde. Was übrigens auch für "Doctor's Diary" gilt und einer der Gründe ist, warum man Dagtekin ziemlich unangefochten als den wohl besten, vor allem aber wertvollsten deutschen Drehbuchautor bezeichnen darf. 
Sein Talent, originelle neue Ansätze für altbekannte Szenarien zu finden, seine kongeniale komödiantische Ader sowohl für spitzzüngigen Dialog auf Screwball-Niveau als auch herrlich albernen Slapstick und nicht zuletzt seine unverwechselbare Gabe, Geschichten von massentauglicher Einfachheit auf so schwungvolle Art und Weise zu erzählen, dass sich auch das anspruchsvolle Publikum davon begeistern lässt - das alles macht Dagtekin zu einem Glücksfall fürs deutsche Fernsehen und seine aktuelle Serie zu so einem herausragenden Qualitätsprodukt.

Das Geheimnis des Erfolges von "Doctor's Diary" liegt in der perfekten Mixtur zwischen konsequent ausgespielter Komik (es gehört quasi zu den Markenzeichen der Serie, dass auch die ernsthafteste Szene mit einem trockenen Oneliner abgeschlossen und humorvoll gebrochen wird), augenzwinkernder Ironie und ganz ehrlich empfundener Romantik. Gretchen stolpert durch ihre Liebeswirren mit der unreifen Tollpatschigkeit eines Teenagers und hat so gesehen eigentlich mehr gemeinsam mit dem Cast von "Grey's Anatomy" als mit Bridget Jones, lässt dabei aber die "Grey's Anatomy"-typische, über-prätentiöse Egozentrik außen vor, sondern ist sich der Albernheit und Naivität ihres Verhaltens absolut bewusst - was sie wiederum umso sympathischer und liebenswürdiger macht. Gretchen macht sich stellvertretend für alle ZuschauerInnen zum Horst, die sich in unglücklicher Verliebtheit auch nicht vor peinlichen Aktionen bewahren konnten - und sich genau wie Gretchen letztlich immer noch nach derselben großen, romantischen Liebe sehnen, an die man als Teenager geglaubt hat. 
Spiegel dieses steten Pendelns zwischen ironischer Albernheit und grundehrlicher Emotionalität ist der brillant zusammengesetzte Soundtrack der Serie, der sich konsequent am Pop-Mainstream orientiert und eine perfekte Balance zwischen kitschig-komischer Käsigkeit und banal-berührender Sehnsucht hält. Da kann es problemlos passieren, dass man als Zuschauer beim Einsetzen der ersten Takte eines Liedes amüsiert die Augen verdreht, um sich wenige Augenblicke später ein kleines Tränchen aus denselben wischen zu müssen - weil genau dieser Song einfach so phänomenal auf genau diese Situation passt. Wenn Gretchen zum Beispiel in der grandios konstruierten Doppelfolge, welche die zweite Staffel eröffnet, zum ersten Mal dem arroganten Millionär Alexis von Buren (Steffen Groth) begegnet, singen die beiden zusammen die 80er Jahre-Stehblues-Schmonzette "Stay" von Pierre Cosso und Bonnie Bianco. Eine Sternstunde plattester Pop-Kitschigkeit, die in diesem Kontext zugleich zutiefst ironisch wirkt, als auch der perfekte "Magic Moment" für diese beiden Figuren ist. Ein fast unmöglicher Spagat, den "Doctor's Diary" jedoch mit spielerischer Leichtigkeit in beinahe jeder Folge hinbekommt.

Das gilt ohne Abstriche auch für die zweite Staffel, die im vergangenen Spätsommer 2009 im Fernsehen lief und seit dem 18. September auch auf DVD erhältlich ist. Mit besagtem Alexis von Buren kriegt Gretchen einen neuen Mann vor die Nase gesetzt, bei dem es wieder mal an ihr ist, ihm seine snobistische Widerlichkeit auszutreiben, während ihre bisherigen Traumprinzen Dr. Kaan und Dr. Meier fürs Erste unerreichbar scheinen - dank der irrwitzigen Kapriolen der Schlussfolgen aus Staffel Eins. Die lösen sich allerdings - durch nicht weniger irrwitzige Kapriolen zum Einstieg dieser Staffel - alsbald auf, so dass sich Gretchen im Laufe dieser zweiten Saison nun zwischen drei Männern hin- und hergerissen wiederfindet. 
Der Anschluss an die ersten acht Folgen gelingt also nahtlos, in Sachen Story-Wendungen und wilder erzählerischer Hakenschläge setzt Dagtekin sogar noch eins drauf, und wenn sich Gretchen am Ende dieser Staffel vor dem Traualtar wiederfindet, kann sich der Zuschauer jetzt schon sicher sein, dass das nicht lange halten wird - denn die sich anbahnenden Ereignisse und Enthüllungen für Staffel Drei werfen bereits ihre langen Schatten voraus. Dass es diese dritte Staffel geben wird, ist nach dem nochmals gestiegenen Quotenerfolg eine sichere Sache - und ist auch angesichts des konstant gehaltenen Qualitätspegels der Serie nur konsequent.

Diese herausragende Qualität wäre natürlich nicht zu erreichen ohne großartig agierende Darsteller, die Dagtekins speziellen Dialog-Humor richtig zu transportieren wissen und diese herrlich eigenwilligen Charaktere zu strahlendem Leben erwecken. An dieser Stelle sollen dann auch endlich Ursela Monn und Peter Prager erwähnt werden, die als Gretchens Eltern ihren eigenen, herrlich komischen Nebenplot als typisch deutsches Spießer-Ehepaar in der Midlife-Sinnkrise durchleben und eine punktgenaue Persiflage der Mann-und-Frau-Rollenbilder der Generation 50plus hinlegen. Nicht minder toll spielt auch Kai Schumann als Dr. Kaan auf, der gerade in Staffel Zwei von den Story-Kapriolen definitiv am meisten gebeutelt wird. Steffen Groth als Alexis von Buren ist eine perfekte Ergänzung für den Cast und großartig komisch in der trockenen Direktheit, mit der er seine unverhohlen arschlochigen Kommentare in die Welt posaunt. 
Das wird aber noch immer übertroffen von der wundervollen Widerwärtigkeit Laura Osswalds als Schwester Gabi; und über all dem erstrahlen letztlich unerreichbar die Schlagabtausche zwischen Serien-Heldin Diana Amft und ihrem verhinderten Ritter Florian David Fitz. Dessen Darbietung als ebenso oberarschiger wie unwiderstehlicher Marc Meier ist der komödiantische Höhepunkt einer Serie, die vor Höhepunkten nur so strotzt. Der stillste, aber vielleicht beste davon ist übrigens die Nebenfigur Schwester Sabine, die auf so absolut einmalige und befremdliche Weise stulle ist, dass man ihr und vor allem ihrer Darstellerin Annette Strasser einen kleinen Altar bauen möchte für diese einzigartig eigenwillige Darbietung.

Das einzig bedauernswerte auch an der zweiten Staffel von "Doctor's Diary" ist, dass es nach nur acht Folgen schon wieder vorbei ist. Umso bereitwilliger greift man da zur DVD, um sich die jetzt schon viel zu lange Wartezeit bis zur dritten Staffel zu versüßen. Im Fernsehen wird man jedenfalls kaum etwas finden, was derart witzig, wagemutig und gelungen ist.

Frank-Michael Helmke