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"Deadwood" - Zweite Staffel

Die Veränderungen im Goldgräbercamp Deadwood, die sich im dramatischen Saisonfinale der ersten Staffel abzeichneten, sind am Beginn der zweiten Staffel so auch eingetreten: Seth Bullock (Timothy Olyphant) hat den Posten des Sheriffs übernommen, sehr zum Leidwesen seines Erzfeindes Al Swearengen (Shane Black). Neben Swearengens Anfeindungen muss Bullock auch sein Privatleben regeln, welches in Unordnung abzugleiten droht. Frau und Sohn seines verstorbenen Bruders, die Bullock als eine Art moralische Pflichterfüllung als seine Familie angenommen hat, kommen schließlich in Deadwood an. Damit werden seine leidenschaftliche Liebesaffäre mit Alma Garrett (Molly Parker) sowie sein Gefühlsleben auf eine harte Probe gestellt. Auch die anderen Bewohner Deadwoods verfolgen ihre mehr oder weniger offensichtlichen Ziele, vom verschlagenen Cy Tolliver (Powers Boothe), dessen beste Hure Joanie (Kim Dickens) sich hinter seinem Rücken ein eigenes Geschäft aufgebaut hat, bis hin zum wieseligen E.B. Farnum (William Sanderson), der aus dem Brief des verstorbenen Wild Bill Hickok Profit zu schlagen versucht. Ungemach droht allen Einwohnern Deadwoods aber von offizieller Seite….

Es ist also alles beim Alten in Deadwood, und doch nicht ganz. Noch immer wird von den rivalisierenden Saloonbesitzern Swearengen und Tolliver ordentlich hinter dem Rücken der Anderen mehr oder weniger Legales ausbaldowert, noch immer ringt Bullock mit Gewissensentscheidungen. Aber es ist etwas anders in Deadwood: Die in der ersten Staffel noch allgegenwärtige Stimmung aus Bedrohung und Ungewissheit scheint sowohl für die Charaktere als auch für die Macher ein bisschen einer Routine gewichen zu sein. Und während dies auf der einen Seite bedeutet, dass das wiederum exzellent spielende Ensemble sich in seinen Rollen sehr wohl fühlt, scheint der Routinegedanke sich auch ein wenig auf den Erzählfluss niedergeschlagen zu haben.
Vielleicht hat es auch mit der Loslösung von der in der ersten Staffel noch betriebenen, klassischen Drei-Akt-Struktur zu tun, aber es gibt in dieser Staffel mehr verzichtbare Episoden als bei der Vorgängerstaffel, und bis die Serie in dieser Season richtige dramatische Züge entwickelt, vergeht doch etwas Zeit. Dies fällt natürlich deshalb auf, weil sich im Erzähltempo seit der ersten Staffel nicht viel verändert hat. Es geht hier immer noch eher gemächlich zu und Konflikte werden behutsam, manchmal allerdings auch etwas behäbig, umgesetzt. Inhaltlich bleibt man bei den politischen und zwischenmenschlichen Intrigen, die über den gesamten Verlauf der Staffel gesponnen werden. Die Atmosphäre ist nicht mehr so konsequent düster, stattdessen wurde der Humoranteil etwas hochgefahren, jener ist allerdings von schwarzer und schwärzester Sorte. Und wer glaubt, dass "Deadwood" deswegen verweichlicht, liegt natürlich auch falsch: Auch hier blitzen wieder Brüste, fließt Blut und wird ordentlich geflucht. Und Mr. Wu bekommt auch wieder ordentlich Schweinefutter menschlicher Natur.

Nicht viel verändert hat sich freilich in Bezug auf die Qualität der Darstellung, denn die ist und bleibt erstklassig. Neben den alten Recken aus der ersten Staffel gibt es auch ein paar neue Gesichter. Bekanntester Neuzugang ist sicherlich Alice Krige als Joanies neue Kollegin und Co-Besitzerin des Bordells "Chez Ami", Maddie. Interessant bei Garrett Dillahunt, der den mysteriösen und psychotischen ‚Mr. W' Stephen Walcott spielt, ist, dass er zwar in der ersten Staffel dabei war, aber in einer ganz anderen Rolle. Nur die wenigsten werden ohne es vorher zu wissen in ihm wohl den feigen Jack McCall, Bill Hickoks Mörder, erkennen. Einige der Rollen sind von Nebenrollen zu Fast-Hauptrollen aufgewertet worden, etwa die der Hure Trixie (Paula Malcomson), deren Beziehung mit Sol Star (John Hawkes) auch interessant weitergeführt wird. Einer der Gewinner der Season in Sachen Präsenz ist auch Titus Welliver als Swearengens neuester Verbündeter, dessen Konflikt mit Swearengrens rechter Hand Dan (W. Earl Brown) auch einen der besten Nebenplots bildet. Wie sich überhaupt Dan als der zu jeder Schandtat bereite, aber auch mit merkwürdiger Menschlichkeit versehene Helfer langsam aber sicher als heimliches Herzstück der Serie etabliert.

Ausstattungstechnisch bleibt auch (fast) alles beim Alten in Deadwood. Wieder hat man eine wirklich sehr schöne und edle Digipack-Verpackung erstellt, die optisch einiges hermacht, ebenso ansprechend sind die Bildschirmmenüs. Die Bildqualität ist ebenfalls wieder überzeugend. So erstrahlen die Außenaufnahmen in natürlichen Farben und selbst bei den vielen Szenen im Dunkeln oder Halbdunkeln gibt sich das Bild keine Blöße. Freuen dürfen sich deutsche "Deadwood"-Fans über die einzige Veränderung zum Vorgängerset, denn anstatt eines einfachen Surround-Mixes hat man nun auch ihnen einen kompletten 5.1-Sound spendiert. Wobei man in aller Fairness sagen muss, dass sich die Räumlichkeit von eben jenem doch in recht engen Grenzen hält. So werden die Surroundsprecher nur sehr sporadisch für Musikuntermalung genutzt und das Geschehen spielt sich generell im Center ab. Bei den Tonspuren hat man die Qual der Wahl: Der deutsche Mix ist lauter und klarer abgemischt, hat aber nicht die atmosphärische Qualität der Originalversion, deren Mischung aus Shakespeare und Gossensprache auch wieder nur fast gelungen ins Deutsche gerettet werden konnte. Einziges Manko ist wie bei der ersten Staffel die völlige Abwesenheit von Extras. Diese waren offenbar zumindest angedacht, denn im Inneren der Verpackung werden diverse Audiokommentare aufgeführt, die der Rezensent aber beim besten Willen nirgendwo auf den Discs entdecken konnte. Es bleibt also dabei: Die Serie selbst muss genügen.

Genügt sie denn auch im zweiten Anlauf, die Serie? Ja, allerdings nicht mehr so bedingungslos wie die erste Staffel. Es zeigen sich erste kleine Ermüdungserscheinungen. Andererseits hat man die Messlatte mit der ersten Staffel so hoch gelegt, dass diese Kritik ein wenig unfair ist. Dies ist immer noch herausragendes Fernsehen, mit technischen und darstellerischen Höchstleistungen, gegen dessen Detailverliebtheit und atmosphärische Dichte die meisten Kinofilme nicht ankommen. Von daher kann es auch hier nur heißen: eindeutige Empfehlung. Und vielleicht zieht man mit der dieser Tage in den USA startenden dritten Staffel ja das Tempo auch wieder etwas an, damit wir diesen glorreichen Halunken und fehlerhaften Gutmenschen, den Banditen, Huren und Abenteurern weiterhin begeistert zuschauen können.

Simon Staake