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Das 21. Filmfest Hamburg 2013 – Von Iran Deluxe bis Québec – Vom politischen bis zum hybriden Film

Filmfest Hamburg 2013

Vom 26.09.2013 bis zum 05.10.2013 kann sich das norddeutsche Publikum wieder an der Vielfalt des weltweiten Kinos beim Filmfest Hamburg erfreuen, rote Teppiche betreten, Regisseuren Fragen stellen und mit Team und Filmemachern allabendlich gemeinsam im Festivalzelt feiern. 151 Filme aus 56 Ländern werden an diesen zehn Tagen gezeigt, darunter 113 Spielfilme, 30 Dokumentarfilme, 10 Kinder- und Jugendfilme und 8 sogenannte „hybride“ Filme, die sich einer Einordnung entziehen. Das Festival hat ein treues Stammpublikum, einige Vorstellungen sind schon längst ausverkauft und es scheint möglich, dass die Gesamtzuschauerzahl von 40.000 aus dem letzten Jahr in 2013 übertroffen wird.

Zu sehen sind Filme aus Ägypten, Äthiopien, Argentinien, Belgien, Bosnien Herzegowina, Brasilien, Bulgarien, Chile, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Großbritannien, Hongkong, Indien, Iran, Israel, Italien, Japan, Kanada, Kroatien, Libanon, Litauen, Luxemburg, Marokko, Mauritius, Mexiko, Niederlande, Norwegen, Österreich, Pakistan, Palästina, Philippinen, Polen, Portugal, Russland, Ruanda, Schweden, Schweiz, Slowenien, Spanien, Südafrika, Südkorea, Taiwan, Thailand, Tschechien, Türkei, Ungarn, Ukraine, Uruguay, USA und Venezuela.

Gustav Peter Wöhler und BandDie Sektionenanzahl spricht verschiedene Publikumsgruppen an und ist eine der Stärken dieses Festivals: Vom Weltkino (Agenda 13) bis zum französischsprachigen Film (Voilá!) über das asiatische Kino (Asia Express) bis zur Umwelt-orientierten Dokumentarfilm-Sektion (Drei Farben Grün), vom spanisch- und portugiesisch-sprachigen Kino (Vitrina) mit Killerkaninchen und Tango-Trashrock bis zu europäischen Publikumserfolgen (Eurovisuell), deutschen TV-Produktionen (16:9) und dem norddeutschen Film (Nordlichter). Ergänzt wird dies durch die Spezialsektion „Wort!“, die sich im letzten Jahr dem Tanz widmete und 2011 der Musik. Der Länderschwerpunkt der Klassikerreihe (Iran Deluxe) wurde vom iranischen Filmemacher Jafar Panahi kuratiert, der in Teheran lebt und mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt ist, und zeigt 50 Jahre Filmschaffen im Iran. Wie auch beim Kurzfilmfestival Hamburg gibt es gleichzeitig ein Kinder- und Jugendfilmfest (Michel), bei dem Filme sogar live im Kino auf Deutsch eingesprochen werden.

Eröffnung: Musik und die erste große Liebe

Die Eröffnung war ein rauschendes Fest. Festivalleiter Albert Wiederspiel war glänzend gelaunt und erntete Lacher mit jüdischen Witzen und dem Satz: „Es wird ein Abend wie bei uns zuhause: Ich erzähle schlechte Witze, Gustav (Peter Wöhler) singt traurige Lieder, danach wird über Filme gesprochen und viel getrunken.“

GabrielleMit dem frankokanadischen Film „Gabrielle“ von Regisseurin Louise Archambault wurde das Filmfest eröffnet. Die Produktionsfirma micro_scope hatte auch hier wieder den richtigen Riecher: Nach „Incendies“ und „Monsieur Lazhar“ ist „Gabrielle“ mittlerweile ihr dritter Film, den Kanada ins Rennen um den fremdsprachigen Oscar schickt.

Der Film zeigt die erste Liebe einer jungen Frau mit Williams-Beuren-Syndrom (die Krankheit, an der auch die Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard leidet), einer seltenen genetischen Besonderheit, die zu kognitiver Behinderung führt, aber oft auch mit großer Musikalität einhergeht. Archambault zeigt die Schwierigkeiten von Liebe und Sexualität anhand eines jungen Paares mit Behinderung - in einem Chorfilm-Setting, addiert noch eine Schwester, die zu ihrem Freund nach Indien ziehen möchte, der ein Projekt für benachteiligte Kinder leitet, und baut auch noch einen Chorauftritt mit dem berühmten frankophonen Sänger Robert Charlebois ein.

Hinzu kommt noch eine an vielen Stellen sehr präsente Kamera- und Tonarbeit, so dass manche Eröffnungsgäste dies als zu viel des Guten sahen. Das Ergebnis ist jedoch durch die authentische Arbeit der zum großen Teil behinderten Schauspieler und Archambaults liebevolle Inszenierung emotional so wirksam, dass „Gabrielle“ dieses Jahr beim Festival in Locarno den Publikumspreis gewann.

Nur ein Schatten lag über der Veranstaltung. Der mit 20 Jahren Berufsverbot belegte iranische Filmemachter Mohammad Rasoulof, mit dessen Film „Auf Wiedersehen“ 2011 das Filmfest Hamburg eröffnete, war vor einigen Tagen nach Teheran geflogen und wollte zum Filmfest zurück in Deutschland sein, um seinen neuen Film über die Morde des iranischen Geheimdienst zu zeigen. Stattdessen wurden ihm Pass und Notebook bei der Einreise abgenommen und es ist noch unklar, ob seine Ausreise möglich sein wird. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Unter griesgrämigen Senioren und traumatisierten Jugendlichen

Vom Leben im Seniorenheim erzählt Matevž Luzar (*1981) in der slowenisch-kroatischen Co-Produktion „Good to Go“. Der Witwer Ivan hat Mundwinkel, die fast bis zu den Knien reichen. Er hasst seine Schwiegertochter und hat sich auf den Beginn des Endes seines Lebens eingerichtet. Das Grab ist gekauft („Mit Blick auf das Bergpanorama!“ verspricht der Bestattungsunternehmer), der Platz im Seniorenheim auch und nun gilt es nur noch, sich an das Leben unter Senioren zu gewöhnen. Es könnte alles so einfach sein, gäbe es da nicht diese hübsche Witwe, die sich beim Computerkurs für Anfänger neben ihn setzt. Mitunter etwas langatmig erzählt, ist „Good to go“ mit seiner Grimassen ziehenden und die Schwestern an der Nase herumführenden Seniorentruppe ein schöner Film über das Alter. Der Humor ist schwarz, die Witze treffsicher und der Umgang mit Altern und Sterben nicht kitschig, sondern ein Zeugnis liebevoller Beobachtung.

Von einer ganz anderen Institution handelt die amerikanische Indie-Produktion „Short Term 12“ von Destin Cretton („I am not a Hipster“). Grace (Brie Larson, Tochter Kate/Princess Valhalla aus „United States of Tara“) arbeitet in einem Zentrum für verhaltensauffällige Jugendliche und hat gerade erfahren, dass sie schwanger ist, was sie ihrem Freund und Arbeitskollegen Mason (John Gallagher Jr., “The Newsroom”)  jedoch nicht mitteilen will. Sie fühlt mit den Teenagern und Kindern mit und kann dies anscheinend trotz ihres jungen Alters gut verkraften. Doch als die Jugendliche Jayden (Kaitlyn Dever) ins Zentrum kommt, kann Grace sich ihrer lange verschwiegenen Vergangenheit nicht mehr entziehen und strudelt langsam auf einen Abgrund zu.

„Short Term 12“ ist ein herausragender kleiner Film. Trotz seines schwer zu ertragenden Themas schafft Cretton einen wunderbaren Kosmos aus Figuren und Situationen des Institutionsalltags, die auch deswegen so detailliert wirken, da der Regisseur selbst zwei Jahre lang nach dem College in solch einem Zentrum arbeitete. Es sind nicht nur die jungen Schauspieler, die intuitiv aufeinander zu reagieren scheinen und die mal tragischen, mal komischen Situationen, in denen sie sich wiederfinden, es ist auch nicht das klischeefreie Drehbuch, dessen Handlung sich behutsam entfaltet, sondern ist es vor allem das Spiel von Brie Larson, das diesen Film zu einer kleinen Perle macht. Zu Recht wurde sie in Locarno dafür als Beste Darstellerin ausgezeichnet.

Eröffnung des Zelts am Iranischen Abend und Rasoulofs „Manuscripts don’t burn“

Seit es das Festivalzelt am Grindelhof gibt, wurde es mehr und mehr zum Zentrum des Filmfestes Hamburg. Mittlerweile mischen sich dort jeden Abend Filmemacher, Gäste und Publikum. Der intensivste Moment im Zelt war dieses Jahr die Zelteröffnung am Iranischen Abend, bei der der iranische Musiker und Komponist Reza Mortazavi ein ganz besonderes Stück spielte. Auf einem USB-Stick wurde der Herzschlag des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt ist, aus dem Iran geschmuggelt und als „20 Minuten für 20 Jahre Berufsverbot“ von Mortazavi auf der traditionellen „Tombak“ musikalisch begleitet. Eine große Ruhe senkte sich über das Zelt und im Takt von Panahis Herzschlag und der Trommel wippten hier und dort Füße und nickten Köpfe. In den letzten Minuten beendete Reza sein Trommelspiel und nur der Schlag eines einzelnen Herzens blieb und ging in Stille über.

Nicht nur Panahi kann seine Heimat nicht mehr verlassen, auch dem Regisseur Mohammad Rasoulof gelang es bis zum Ende des Festivals nicht mehr, aus dem Iran zurückzukehren, nachdem man ihm seinen Pass bei der Einreise einige Tage vor dem Filmfest abgenommen hatte. Rasoulofs bewegendes Geheimdienstdrama „Manuscripts don’t burn“ musste somit in Abwesenheit des Regisseurs gezeigt werden. Im Film erhalten die beiden Geheimdienstmitarbeiter Morteza und Khosrow den Auftrag, einen Schriftsteller zu liquidieren und den Mord wie einen Unfall aussehen zu lassen. Schwer zu ertragen ist nicht nur die physische Gewalt in Form von Folter und Mord, die hier oftmals off-camera stattfindet, sondern auch die psychische Gewalt, der die Gruppe aus befreundeten Schriftstellern hier ausgesetzt wird. Es gibt kein Entrinnen vor der Staatsgewalt und sogar ihre Türsprechanlagen werden überwacht. Der Grund für die Überwachung ist die Vertuschung eines Verbrechens, das mit einem Manuskript enthüllt werden könnte, von dem sie mehrere Kopien verstecken. Wie es einer der Autoren im Film sagt: „Wir waren lebende Zeugen eines unvollendeten Verbrechens.“ „Manuscripts don’t burn“ entstand unter großer Geheimhaltung, da Rasoulof keine Drehgenehmigung hatte, und erhielt in Cannes den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik in der Sektion „Un Certain Regard“.

Ein Verschollener und ein Geheimdienstrekrut

So überzeugend “Manuscripts don’t burn” ist, so unbefriedigend ist Hicham Lasris marokkanischer Film “They Are the Dogs”. Im Arabischen Frühling in Casablanca will ein recht dämliches Filmteam rund um einen idiotischen Moderator einen Beitrag filmen, als ihnen ein alter Mann auffällt, der nicht recht dazuzugehören scheint. Sie folgen und verfolgen ihn und lassen ihn nicht wieder gehen, bis sie seine Geschichte aufgedeckt haben. Der Mann wurde vor Jahrzehnten verschleppt und sucht jetzt verwirrt seine Familie. Eine chaotische Kameraführung mit sinnlosen Spielereien, gern unscharf und über Kopf, im Rennen und wirbelnd eingesetzt sorgte dafür, dass die Zuschauer vor allem zu Beginn des Films auf den Fußboden schauten, damit ihnen nicht schlecht wurde. Die Handlung wuselt zeitweise kreuz und quer vor sich hin, ohne großen Mehrwert zu schaffen. Das einzige, was an „They Are the Dogs“ wirklich sehenswert ist, ist das Spiel von Hauptdarsteller Hassan Badida, der diesen Film trotz all seiner Unzulänglichkeiten rettet.

Geheimdienste spielten beim Filmfest mehrfach eine Rolle: Emil Christovs bulgarisches Regiedebüt „The Color of the Chameleon“ erzählt eine Geschichte á la „Der talentierte Mr. Ripley“, in der ein von der Geheimpolizei rekrutierter Student sich als talentierter und unberechenbarer zeigt als es sein Rekrutierter ahnte. Er gründet seinen eigenen Spitzeldienst und beginnt sich an der Regierung zu rächen. Mit viel schwarzem Humor und grotesken Bildern zeigt Christov eine Zeit von Überwachung und Bespitzelung im Bulgarien des Jahres 1989.

Von Vätern und Kindern

Der wundervolle Dokumentarfilm „Cesars Grill“, der in Hamburg und Ecuador spielt, zeigt auf liebevolle Weise den Umgang des in Hamburg lebenden Regisseurs Darío Aguirre mit seinem Vater, dem er endlich nahe kommt, nachdem dieser sich mit seinem Grillrestaurant finanziell übernommen hat. Der Vegetarier Aguirre fährt also nach einem Skype-Hilferuf in die Heimat, um die Existenz seiner Eltern zu retten. Über drei Jahre gedreht, lebt „Cesars Grill“ nicht nur von den berührend ungeschickten Worten der beiden, sondern auch von Gesangseinlagen des Regisseurs, der dazu im Anschluss sagte: „Wenn man in Lateinamerika in Schwierigkeiten steckt, fängt man an zu singen. Das ist für uns ganz typisch.“ Als sein Vater den Film sah,  lachte er viel über sich, aber noch viel mehr darüber, wie sich sein Sohn am Grill anstellte.

Eine ebenfalls berührende Vater-Sohn-Geschichte, diesmal jedoch im Mittleren Westen, erzählt Alexander Paynes („Sideways“, „About Schmidt“) „Nebraska“. Ist dies auch nur ein kleiner Film im Werk von Payne, der eine Geschichte von einfachen Menschen in schwarz-weiße Landschaftsaufnahmen hüllt, die aussehen, als seien sie von Ansel Adams fotografiert, so lebt er von den großartigen Schauspielern, allen voran Bruce Dern, der den nicht mehr ganz zurechnungsfähigen verschrobenen Vater Woody Grant spielt. Der in Montana lebende Woody bekommt einen Werbebrief mit einem angeblichen Gewinn von einer Million Dollar und will sich sein Geld nun in Nebraska abholen. Weder seine Frau noch seine beiden Söhne können ihn davon abhalten. Doch auf dem Weg landet die Familie in ihrer alten Heimat, wo jeder glaubt, dass Woody wirklich zu Geld gekommen ist und nun alte Schulden beglichen werden sollen. Zu Recht gewann Bruce Dern für seine Rolle dieses Jahr den Preis als bester Darsteller beim Filmfest in Cannes.  

Der schönste Film des Filmfests Hamburg über eine Vater-Kind-Beziehung ist jedoch die kanadische Dokumentation „Alphée of the Stars” von Hugo Latulippe, der mit seiner Frau und seinem Sohn ein Jahr innehielt und von Québec aus in die Schweiz zog, damit seine behinderte Tochter Alphée sich in Ruhe entwickeln konnte, bevor sie in die Schule kam. Ein Gendefekt, den nur 1 von 65.000 Menschen in der Bevölkerung tragen und der bei ihren beiden Eltern vorhanden war, führte bei Alphée zum Smith-Lemli-Opitz-Syndrom, einer Entwicklungsstörung, die bei ihr zwar nur in einer leichten Form auftritt (ihr Vater kennt außer ihr nur schwerere Fälle), aber sie doch in einer eigenen Weise mit der Welt umgehen lässt.

Zwischen Bergmassiv und Seifenblasen, eingebildeten wilden Tieren und der Schönheit einer Wiese bewegt sich „Alphée of the Stars“ so liebevoll, dass diese Ode an eine Tochter die Herzen des Publikums gewann. Besonders berührend ist eine Szene, in der sich Alphée mit ihrem Vater einen schneebedeckten Berg herauf müht, immer wieder hinfällt und sich weiter quält und oben angekommen auf seine Frage: „Wir sind oben, was machen wir jetzt, Alphée?“ antwortet: „Wir gehen weiter“ und den Berg wieder hinab läuft. Der Filmemacher berichtete anschließend an den Film aus der Zeit nach der Rückkehr nach Kanada: „Wir müssen immer die Balance finden zwischen unseren Erwartungen und der Realität.“ Hugo Latulippe dreht mittlerweile nur noch Filme in Québec, um bei seiner Familie sein zu können.

Vom Leben im Exil: „Lampedusa auf St. Pauli“

Diese Woche starben vor der Küste Lampedusas mindestens 121 Flüchtlinge bei der Überfahrt von Afrika nach Europa, nachdem ihr Boot in Flammen aufging. Bevor die hamburgische Dokumentation „Lampedusa auf St. Pauli“ im Rahmen des Filmfestes gezeigt wurde, legten Gäste und Publikum für diese eine Schweigeminute ein. Mitte Juni 2013 strandeten 300 afrikanische Flüchtlinge aus Libyen in Hamburg, die ebenfalls über Lampedusa nach Europa gekommen waren. Der Hamburger Senat will die Männer wieder loswerden, doch die beiden Pastoren der St.-Pauli-Kirche nehmen 80 der Flüchtlinge bei sich auf und das ganze Viertel packt bis heute mit an. Hafenstraßen-Bewohner kommen zum Helfen, der FC St. Pauli spendet Trikots und lädt sie zum Freundschaftsspiel ein, doch auch bis zum Ende der Dreharbeiten kurz vor dem Filmfest ist nicht abzusehen, ob sie in Hamburg bleiben dürfen.  Der Regisseur Rasmus Gerlach („Aldi – Mutter aller Discounter“, „Jimi – Das Fehmarn Festival“, „Apple Stories“) begann als Freiwilliger zu helfen und entschied sich dann, der Chronist dieser Geschichte zu werden. Pastor Sieghard Wilm sagt, er öffnete die Kirche den Flüchtlingen, als diese obdachlos fragten, ob sie vielleicht bei den Grabsteinen im Friedhofsgarten schlafen dürften.

Der Fachsprecher für Integration der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Kazim Abaci, wiederholte in der Diskussion nach dem Film mehrfach, dass es sich beim Verbleib der Flüchtlinge in Hamburg um eine rechtliche Bewertung handele, für die der Senat nicht zuständig sei, da dies Bundes- und EU-Recht betreffe. Doch Pastor Wilm hielt entgegen: „Wir können doch nicht die Toten zählen und den Lebenden nicht helfen!“ Laut dem Regisseur Rasmus Gerlach gibt es Spenden aus einer Stiftung, um Container auf dem Gelände der Kirche für die Flüchtlinge zu errichten, doch habe der Senat in einem Gespräch angedroht, sofern der Bezirk Altona das Errichten solcher Container erlaube, sich dann einzumischen und dies zu verbieten.

Vom Leben mit Aids

In einem Werk von 164 Minuten präsentiert der 1997 mit HIV und dann noch mit Hepatitis C diagnostizierte portugiesische Regisseur Joaquim Pinto in „What now? Remind Me” (E Agora? Lembra-me) ein beeindruckendes filmisches Tagebuch seiner einjährigen Therapie mit neuartigen Medikamenten im Rahmen einer klinischen Studie, die schwere Nebenwirkungen und Körper und Geist hatten. Sein Lebensgefährte Nuno Leonel, selbst ebenfalls infiziert, wollte erst nicht mitmachen, überlegte es sich dann doch anders und so wurde es ein Film von und mit zwei Männern, die sich eine Farm in Portugal kauften und zwischen Beeten, Dürre und Waldbränden versuchen, mit ihrer Krankheit zu leben. „What now? Remind Me“ ist nicht nur ein Werk über diese beiden, sondern Pinto setzt darin assoziativ alles um, was ihn in diesem Jahr beschäftigt. Von der Wirtschaftskrise bis zum Wesen der Viren und der Menschheitsgeschichte seit den Neandertalern spannt sich ein Bogen, der immer wieder auf der Farm endet, wo nach jedem Waldbrand und jeder Nebenwirkung von neuem gesät, die Hunde gestreichelt, geliebt und gelitten wird. „What Now? Remind Me“ erhielt in Locarno den Spezialpreis der Jury und ist ein Erlebnis. Der Regisseur selbst sagte nach der Vorführung, dass die Therapie bei ihm bisher angeschlagen hat.

Von Regisseuren und Schauspielern

Ein Hauch von Glamour zog durch das Passage-Kino, als die Ehefrau des Oscarpreisträgers Roman Polanski und Hauptdarstellerin seines neuesten Werkes, Emmanuelle Seigner, erschien. „Venus im Pelz“ ist wie schon Polanskis letzter Film, „Der Gott des Gemetzels“, die Verfilmung eines Theaterstücks, doch diesmal noch besser an die Leinwand angepasst ist. Das Stück handelt von der Umsetzung der gleichnamigen Novelle (1870) von Leopold von Sacher-Masoch, nach dem der Sadomasochismus seinen Namen trägt. Der Pariser Theaterregisseur Thomas (Mathieu Amalric) steht kurz davor alles hinzuwerfen, da beim Vorsprechen keine der Schauspielerinnen seine Vorstellung der Protagonistin erfüllen konnte. Doch da taucht plötzlich die Kaugummi kauende und sich vulgär äußernde Vanda (Emmanuelle Seigner) in Strapsen und Dessous auf, die sich nicht abwimmeln lässt und ihm ein Vorsprechen abringt. Ein Machtspiel der Geschlechter beginnt, bei dem der wie ein junger Polanski aussehende Amalric einer fulminanten Seigner gegenübersteht. Sie spielt ihre diversen Rollen in diesem Stück unglaublich, wechselt stellenweise im Sekundentakt ihre Persona und verkörpert sie alle phänomenal.

Wunderschön anzuschauen ist auch Serge Avedikians “Paradjanov“ (Ukraine, Frankreich, Georgien, Armenien) über den gleichnamigen Regisseur, der als Kinorebell der 60er und 70er Jahre unter anderem von Federico Fellini und Michelangelo Antonioni bewundert wurde und Filme drehte, die Zumutungen für den Sozialistischen Realismus waren. Der Regisseur ist gleichzeitig Hauptdarsteller und porträtiert sowohl die traurigen als auch die verschmitzten Seiten des Filmemachers.

„Sie ist eine Erscheinung!“ - Tilda Swinton erhält den Douglas-Sirk-Preis

Der Hauptpreis des Filmfestes Hamburg, der Douglas-Sirk-Preis, ging 2013 an die Schauspielerin Tilda Swinton, deren neuester Film “Only Lovers Left Alive” von Regisseur Jim Jarmusch im Anschluss an die Preisverleihung gezeigt wurde. Der Douglas-Sirk-Preis wird an Personen verliehen, die sich um Filmkultur und Filmbranche verdient gemacht haben. Namensgeber ist der in Hamburg als Detlef Sierck geborene Regisseur Douglas Sirk, der nach seiner Emigration 1937 in Hollywood als Schöpfer farbgewaltiger Melodramen ("Was der Himmel erlaubt") bekannt wurde. Festivalleiter Albert Wiederspiel sagte bewegt über Swinton, die erst die dritte Frau seit der Einführung des Preises 1995 ist, die den Douglas-Sirk-Preis erhält: „Sie ist eine Erscheinung!“ Die Oscarpreisträgerin Tilda Swinton („Michael Clayton“), die einem alten schottischen Adelsgeschlecht entstammt, weigert sich, den weiblichen Schönheitsidealen Hollywoods zu entsprechen und verkörpert in ihrer androgynen Art sowohl Männer als auch Frauen in ihren Filmen. Nach einer überaus humorvollen Laudatio des in Hamburg lebenden Regisseurs und Experimentalfilmers Klaus Wyborny, der 1986 mit ihr drehte, nachdem sie für Christoph Schlingensief im Film „Egomania – Insel ohne Hoffnung“ gespielt hatte, fragte sie lachend: „Klaus, ich habe deinen Film mit mir nie gesehen, ist er mittlerweile fertig?“ Doch gab es auch ernste Noten in dieser Rede. Während der Dreharbeiten zu „Only Lovers Left Alive“ starb Swintons Mutter und sie entschied sich, erst einmal keine weiteren Filme mehr zu machen.

Jim Jarmusch („Stranger Than Paradise“, „Down by Law“) ist ebenfalls Douglas-Sirk-Preisträger (1999) und hat mit „Only Lovers Left Alive“ den wohl untypischsten aller Vampirfilme gedreht. Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) sind seit Jahrhunderten ein Paar, leben aber in Fernbeziehung: Er in einer heruntergekommenen Villa am Rande von Detroit, sie in der marokkanischen Stadt Tanger. Beide ernähren sich seit langem von Blutkonserven und nennen die Menschen „Zombies“. Doch während Eve das Leben genießt, wird Adam mehr und mehr depressiv und will sich mit einer hölzernen Patronenkugel das Leben nehmen. Eve nimmt den langen Weg auf sich und will ihn von der Schönheit des Lebens überzeugen. Doch kaum haben sie sich wieder, taucht Eves irre kleine Schwester Ava (Mia Wasikowska) auf und bringt alles aus dem Gleichgewicht. Jarmuschs Fans werden diesen Film lieben, der mit Sixties-Soul, Garagenpunk und etlichen Anspielungen auf die Kultur der letzten Jahrhunderte aufwartet, doch wirkt das Werk stellenweise langatmig und zu gewollt.

Das Filmfest Hamburg endete mit Hany Abu-Assads („Paradise Now“) Film aus den Palästinensischen Gebieten, „Omar“, von dem Festivalleiter Albert Wiederspiel sagte, er zeige ihn, weil es ein guter Film sei, nicht weil er mit dem Film einer Meinung sei. Der Regisseur selbst antwortete, dass man „Eier haben müsse“, um diesen Film als Abschlussfilm zu zeigen. Das Publikum schwieg nach dem Film und klatschte nur verhalten, was sich anhand der Aussage des Filmes erklärt, der sich eher auf die Seite der Gewalt als auf die des Friedens stellt und Palästinenser und Israelis in ein simples schwarz-weiß-Schema von gut und böse presst. In Cannes gewann der Film trotzdem den Jurypreis in der Sektion „Un Certain Regard“.

Es war ein vielfältiges Filmfest, politischer noch als in den Vorjahren, das sich auch dadurch auszeichnete, dass Regisseure und Gäste dem Festivalleiter sagten, dass sie von der Neugier und Wissbegierde des Hamburger Publikums begeistert waren, welches sich auch auf sperrige Themen und komplexe Filme einließ.

Preisträger beim Filmfest Hamburg 2013

1.) Preis der Hamburger Filmkritik
Der Gewinner: Metro Manila. Regie und Drehbuch: Sean Ellis, Großbritannien, Philippinen

2.) Montblanc Drehbuch Preis
Der Gewinner: Tore tanzt. Drehbuch und Regie: Katrin Gebbe.

3.) Der Politische Film

Dieser Preis wurde ohne Ranking zu gleichen Teilen auf zwei Gewinner verteilt:
Gewinner (1): Fire in the Blood. Regie: Dylan Mohan Gray, Indien
Gewinner (2): Manuscripts Don’t Burn. Regie: Mohammad Rasoulof, Iran

4.) Der NDR Nachwuchspreis
Der Gewinner: Short Term 12. Regie und Drehbuch: Destin Cretton, USA

5.) Art Cinema Award
Der Gewinner: Venus im Pelz. Regie und Drehbuch: Roman Polanski, Frankreich, Polen

6.) Häagen-Dazs Publikumspreis
Der Gewinner: Große Jungs – Forever Young. Regie und Drehbuch: Anthony Marciano,  Frankreich.


7.) Michel Filmpreis vom Michel Kinder und Jugend Filmfest
Der Gewinner: Felix. Regie: Roberta Durrant, Drehbuch: Shirley Johnston, Südafrika

8.) Der Douglas-Sirk-Preis

Die Gewinnerin: Tilda Swinton.

Margarete Prowe

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