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„Eine dunkle Begierde“ – Interview mit Regisseur David Cronenberg

Filmszene:  Mr. Cronenberg, Sie haben Ihren Film an den Originalschauplätzen in Wien gedreht. Warum war das wichtig oder sinnvoll?

David Cronenberg: Aus zwei Gründen. Erstens wäre es sehr kompliziert und teuer gewesen, etwa das Haus von Freud mit seinem Eingangsportal oder das Café Sperl als Kulisse neu aufzubauen. Und dann ergibt es natürlich auch eine ganz andere Atmosphäre, sich tatsächlich in den originalen Gebäuden aufzuhalten und dort zu drehen, wo Freud sich bewegt und gearbeitet hat, zumal er diese Räume auch sehr genau in seinen Büchern beschrieben hat. Sowohl ganz praktische als auch künstlerische Gründe also.

Wie ist denn Ihr persönliches Verhältnis zum Thema Psychoanalyse? Auch wenn sie hier entwickelt wurde, ist man bei uns in Europa doch immer noch etwas skeptisch und distanziert, denn der „normale“ Mensch braucht so etwas ja eigentlich nicht.

Das hat sich sicher in den letzten Jahren noch weiter geändert, nicht nur in Amerika gehört der Psychiater zum guten Ton, selbst in China breitet er sich immer mehr aus. Und für  mich macht das eben auch Sinn: Denn vorher oder normalerweise sprach man halt mit seinen Familie oder den engsten Freunden über seine Probleme. Was aber, wenn genau diese Leute ein Teil des Problems sind? Da ist es doch wesentlich sinnvoller mit jemandem zu sprechen, der neutral ist und kein eigenes persönliches Interesse an einem hat. Das war Freuds revolutionäre Idee und Ansatz. Und dazu die Abkehr von der Einstellung: Warum sollte ich verrückten Leuten überhaupt zuhören? Aber doch, Du musst Ihnen zuhören, denn was sie zu sagen haben ist ja der Schlüssel um zu verstehen was mit ihnen nicht stimmt.

CronenbergSchwirrte ihnen dieses Thema und ein Film darüber schon länger im Kopf rum? Denn wenn ich mir Ihre Filmographie so anschaue, gab es da ja schon immer Charaktere mit entweder physischen oder psychischen Problemen.  Musste es also irgendwann fast zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema Psychoanalyse kommen?

Ja, das ist wohl so. Mich hat kürzlich ein Freund daran erinnert, dass sich schon mein allererster Kurzfilm mit dem Thema beschäftigt hat und das war vor gut 45 Jahren. So gesehen schließt sich da also tatsächlich jetzt ein Kreis. Mich faszinierte schon immer die ganz neue Art von Beziehung zwischen Arzt und Patient, die Freud und Jung kreiert haben. Als ich dann das Theaterstück von Christopher Hampton gesehen habe, welches mir zum ersten Mal eine dramatische Struktur präsentierte, wie man sie nun mal auch für einen Film benötigt, da war für mich sehr schnell klar, dass dies mein nächstes Projekt werden sollte. 

Wie viele Freiheiten haben Sie sich für Ihre Version genommen, was die historischen Fakten betrifft?

Es ist weniger eine Frage der „Freiheiten“, als des künstlerischen Ausdrucks. Wie schafft man ein knapp zweistündiges Drama aus einem solch komplexen und faszinierenden Leben? Wir haben für unseren Film dann praktisch neun Jahre historischer Ereignisse auf nur fünf Personen konzentriert. Aber wir waren andererseits auch außerordentlich akkurat. Sehr viele Dialoge stammen von Aufzeichnungen oder aus Briefen, das sind also Sätze die wirklich gesagt wurden.

Viele Leute sind trotzdem überrascht und erkennen einen neuen Cronenberg im Vergleich zu Ihren bisherigen Filmen.

Darüber denke ich überhaupt nicht nach, das frage ich mich selbst gar nicht. Ich bin ja kein Kritiker, der auf meine Filme zurückblickt und da dann versucht ein Gesamtbild zusammenzufügen. Denn kreativ gesehen ist das völlig irrelevant. Ich konzentriere mich stets nur auf meinen aktuellen Film, der in dem Moment rein gar nichts mit meinen früheren Werken zu tun hat. Da dann Verbindungen oder Gemeinsamkeiten zu entdecken ist Ihre Aufgabe, nicht meine. Sie können ja mal überlegen, ob ich jetzt „soft“ geworden bin oder eine Art „Romantische Komödie“ gemacht habe.

Eine faktisch nicht zu leugnende Gemeinsamkeit Ihrer letzten drei Filme ist allerdings Viggo Mortensen.

Da haben wir eine Verbindung, das kann ich wohl wirklich nicht leugnen. Aber auch da gilt: Ich würde keinem Schauspieler einen Gefallen tun, wenn ich ihn nur aus Freundschaft für eine Rolle besetzen würde für die er nicht der Richtige ist. Viggo mag keine offensichtliche Wahl für Sigmund Freud sein, aber uns war klar, dass wir hier einen etwas anderen Freud präsentieren würden als man ihn zu kennen meint. Nicht diese typische Großvater-Figur aus den späteren Jahren, sondern den charismatischen und sehr humorvollen Mann zu seinen besten Jahren. Ein Mann, den Frauen sehr attraktiv und maskulin fanden. Deshalb und nicht weil ich Viggo liebe - was ich natürlich tue -, habe ich ihn besetzt. Aber in meinem nächsten Film „Cosmopolis“ wird er definitiv nicht dabei sein, weil es da einfach keine passende Rolle für ihn gibt.

Volker Robrahn

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